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Neues Buch: Kant kocht türkisch

Vorwort des Herausgebers Birol Kilic
Immanuel Kant und die Kritik der Kochkunst

Als Neue Welt Verlag freuen wir uns sehr, Kants kritische Philosophie im Spiegel der türkischen Küche unter dem Titel „Kant kocht türkisch“ herauszugeben. Der Philosoph Immanuel Kant (1724–1804) wäre im Jahr 2024 dreihundert Jahre alt geworden. Über den Aufklärer des Abendlandes, der auch dem Orient gegenüber sehr positiv gestimmt war, wird es in den nächsten Jahren hoffentlich mehr zu lesen und zu hören geben.

Anlässlich dieses baldigen Jubiläums möchten wir eine Reihe von Büchern über Kant herausgeben, um damit seinen schon zu Lebzeiten erworbenen Ruf eines „Weltweisen“ erneut in Erinnerung aus Wien zu rufen. Wir wollen seine zeitlosen Ideen aber nicht nur verbreiten, sondern auch in die Tat umsetzen. So enthält zum Beispiel seine „Kritik der praktischen Vernunft“ eine Lobrede auf die Pflicht und schließt mit sehr nachdenklichen und geradezu göttlichen Worten ab: „Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit einer immer neuen Bewunderung und Ehrfurcht: Der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir.“

Kant: „Aber uns schon für moralisiert zu halten, daran fehlt noch sehr viel.“

Der Königsberger Philosoph Immanuel Kant ist ohne Zweifel einer der wichtigsten Aufklärer der westlichen Welt beziehungsweise des Okzidents. Seine ostpreußische Heimat war im 18. Jahrhundert einer der fortschrittlichsten Orte der Welt. Kant erlebte die Französische Revolution. Betrachtet man die Zitate dieses Dichters und Denkers aus der historischen Perspektive der Gegenwart, so erscheint die destruktive Rolle Deutschlands in den beiden Weltkriegen umso verstörender.

Als der „Hausphilosoph der Deutschen“ nahm Kant schon früh die Dialektik der Aufklärung vorweg und wies darauf hin, dass der instrumentelle Gebrauch der Vernunft in ihr Gegenteil umschlagen kann. Man hat den großen Philosophen, Denker und Dichter bereits zu Lebzeiten so häufig zitiert, dass schon damals eine sehr lange Aktualität und Bedeutung für ihn vorbestimmt war. Im 18. Jahrhundert hat man weder von den beiden Weltkriegen geträumt, noch diese in dem Ausmaß erwartet oder überhaupt für möglich gehalten. Mit dem folgenden wichtigen Zitat hat Kant im 18. Jahrhundert die gesamte Menschheit, vor allem aber die entwickelten Länder und besonders sein eigenes Volk, eindringlich gewarnt: „Wir sind im hohen Grade durch Kunst und Wissenschaft kultiviert. Wir sind zivilisiert, bis zum Überlästigen, zu allerlei gesellschaftlicher Artigkeit und Anständigkeit. Aber uns schon für moralisiert zu halten, daran fehlt noch sehr viel.“

Moral als Kompass

Besonders Kants Moral- und Ethikphilosophie, allem voran sein kategorischer Imperativ mit den Konstanten eines guten Willens und des Verantwortungsbewusstseins, wird in unserer zunehmend scheinheiliger werdenden Welt wieder bedeutsam. In seiner „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“ stellt Kant folgende These auf: „Es ist überall nichts in der Welt, ja überhaupt auch außer derselben zu denken möglich, was ohne Einschränkung für gut könnte gehalten werden, als allein ein guter Wille“.

Im weiteren Verlauf entwickelt Kant die These, dass der gute Wille das höchste Gut sei. Wer den Sinn von Moral interpretieren und anwenden beziehungsweise als Kompass verwenden will, kommt um Kant nicht herum. Hier werden die Voraussetzungen zur Moral erläutert: „Eine Moral, die mehr als nur eine Illusion sein will, muss also von menschlichen Wünschen und Neigungen unabhängig sein. Von Moral kann nur die Rede sein, wenn sie allgemeinen Gesetzen folgt, die ihren Grund in der ‚reinen Vernunft‘ haben.“

Kant regt uns hier zu weiteren Fragen an: „Ist nicht die Scheinheiligkeit aber die Sprache der Korrupten? Gibt es eine Wahrheit ohne Liebe? Sind nicht die Liebe und der ‚gute Wille‘ die erste Wahrheit?“ Er führt uns damit zur Lehre Jesu. Jesus von Nazareth ermahnt uns, dass nicht nur der gute Wille oder Gesetze und Vorschriften zählen, sondern letztlich die gute Tat. Eigentlich sind das die Wurzeln der drei Weltreligionen Judentum, Christentum und dem Islam. Auf jeden Fall verbindet der Gott an den Jesus glaubt die drei Religionen. Das ist mehr als genug um hier vernünftig und Tugendhaft untereinander zu handeln.

Kants Wanderung über das Nebelmeer und neue Entdeckungen

Wir, der Neue Welt Verlag aus Wien, hatten schon 2017 die große Freude, ein Buch über Immanuel Kant mit dem Titel „Kants Wanderung über das Nebelmeer“ des Kunsthistorikers und Philosophen Gregor Bernhart-Königstein herauszugeben. In diesem Werk wurde die Entstehungsgeschichte des berühmten Buches „Die Kritik der reinen Vernunft“ im Zusammenspiel mit der Bilderwelt des Malers Caspar David Friedrich ergründet. Ziel des Buches war es, den oft „säkularisierten“, aber neu gelesenen Kant zur möglichen Basis des „Intelligent Design“ sowie zur ermutigenden Orientierungshilfe für den „Gottsuchenden“ und auch den „Gottverneinenden“ mithilfe der transzendentalen Wende zu machen, gerade wo die Religionsfreiheit durch das Sittenbild des Islams wieder zur Diskussion steht.

Hier kann man feststellen, dass der Begriff „transzendental“ bei Kant in engem Zusammenhang mit der berühmten Formulierung einer „Bedingung der Möglichkeit von Erkenntnis“ zu sehen ist. Kants Frage nach der Bedingung der Möglichkeit unserer Erkenntnis von Gegenständen führt ihn auf das Subjekt der Erkenntnis bzw. unser eigenes Bewusstsein. Nicht einfach mit so einem großen Ego bzw. einem innerem Schweinehund. Unsere Erkenntnis von Gegenständen ist von uns selbst abhängig und somit eine aktive Leistung von uns als erkennendes Subjekt.

Tugend und kosmopolitischer Lebensstil

Wir als Neue Welt Verlag haben herausgefunden, dass Kant gegenüber dem Orient, den Türken und Muslimen großes Interesse und Sympathie aufgebracht hat. Dass Kant den physikotheologischen Gottesbeweis eigentlich nicht widerlegen will, sondern ihm ein neues moralisches, ewig gültiges Fundament gibt, hat Bernharts Buch, erstmals geografisch schlüssig unter Berücksichtigung der psychologischen Entwicklung von Kants Denken und Fühlen belegt.

In unserem neuen und etwas außergewöhnlichen Kochbuch möchten wir darauf Bezug nehmen, wie Kant bei seinen täglichen Nachmittagsspaziergängen über Gesprächsthemen für das nächste Mittagessen nachgedacht hat.

Der Titel „Kant kocht türkisch“ wirft die berechtigte Frage auf, wie man Kant mit der türkischen Küche und dem Essen an sich in Verbindung bringen kann. Die Antwort lässt sich aus der Bedeutung ableiten, die Essen für den großen Denker hatte. Kant beschäftigte sich nicht nur mit der richtigen Ernährung, sondern auch mit den Umständen, unter denen die Mahlzeit eingenommen werden sollte. Da er sich äußerst tiefgehend mit diesen Themen auseinandersetzte, wurde ihm von seinen Zeitgenossen sogar – ernsthaft oder spaßhalber –nahegelegt, eine „Kritik der Kochkunst“ zu verfassen. Zudem pflegte Kant im Königsberg des 18. Jahrhunderts bereits einen kosmopolitischen Lebensstil als „Weltmensch“. Da Königsberg eine Küstenstadt war, sind in dieser Metropole Menschen aus den verschiedensten Ländern der Welt zusammengekommen und haben neue Gewürze sowie Esskulturen mitgebracht, darunter auch einiges aus der Türkei beziehungsweise dem Osmanischen Reich. Dementsprechend war auch die Gästeliste seiner regelmäßig zelebrierten Mittagstische von nationaler, sozialer und berufsständischer Diversität geprägt. Bei Kants mittäglichen Zusammenkünften achtete der Gastgeber darauf, seine Gäste mit viel Sorgfalt auszuwählen um auch unterschiedliche Leute um sich zu haben. Es war Kant auch sehr wichtig, kontrastierende Meinungen zu versammeln, um so die Gespräche bei Tisch abwechslungsreich und anregend zu halten.

Unter seinen Gästen war Johann Georg Scheffner, ein Jurist, Kriegsrat und Schriftsteller, Karl Daniel Reusch ein Physiker und Bibliothekar, Johann Friedrich Gensichen ein Mathematiker, sowie Johann Gottfried Hasse ein Theologe und Orientalist. Nur um ein paar Beispiele zu nennen, denn man sieht schnell, dass die Vielseitigkeit der Spezialgebiete erstaunlich war, sowie die Anzahl berühmter Wissenschaftler, die aus dieser fruchtbaren Zeit hervorgingen. Zu den Geladenen gehörten außerdem auch Ärzte, Offiziere, Kirchenmänner oder Händler.

Ein Österreicher bei Kants Mittagstisch: Gottfried Wenzel von Purgstall (1773–1812)

So vergrößerten sich mit den Jahren auch Kants Kenntnisse in vielen fachlichen Bereichen und er war dafür bekannt, über jedes beliebige Thema ausgiebig sprechen zu können. Dabei wurde ihm allerdings immer wieder vorgeworfen, er wolle das Gespräch bestimmen und müsse immer Recht haben. Besonders gut zeigt sich dies am Beispiel des steirischen Grafen Gottfried Wenzel von Purgstall (1773–1812). Als sich dieser in Königsberg aufhielt, wurde er von Kant eingeladen, war jedoch im Nachhinein verärgert über seinen Gastgeber, der unaufhörlich redete und alles besser zu wissen schien. Kant widersprach Purgstall selbst in Belangen, die die Steiermark, also die Heimat seines Gastes, betrafen. Jedoch war Purgstall nichtsdestotrotz über Kants umfangreiches Detailwissen über die steirische Hauptstadt Graz überrascht.

Kants Mittagstisch

Kant hatte schon früh beschlossen, ein langes Leben führen zu wollen. Bei der Umsetzung dieses Vorhabens stütze er sich stark auf das seinerzeit äußerst bekannte und 1796 gedruckte Buch „Die Kunst, das menschliche Leben zu verlängern“ des Arztes Christoph Wilhelm Hufeland (1762–1836), zu dessen Patienten auch Goethe, Schiller, Herder und Wieland zählten. So postulierte Hufeland beispielsweise: „Wer alt werden will, der esse langsam“ (1), und Kant nahm sich dies zu Herzen. Einer der zahlreichen Gäste beschrieb Kants Verhalten bei Tisch folgendermaßen: „Er aß nicht nur mit Appetit, sondern mit Sinnlichkeit […] Der untere Teil seines Gesichts, die ganze Peripherie der Kinnbacken drückte die Wollust des Genusses auf eine unverkennbare Weise aus“. (2)

Was dieser Gast anscheinend nicht wusste war, dass Kant zu diesem Zeitpunkt gewohnheitsgemäß seit etwa 24 Stunden nichts gegessen hatte, was wohl auch zu seiner genüsslichen Art beim Verzehren der Speisen beitrug.

Nach Ansicht des Philosophen ist eine Mahlzeit täglich dem Körper zuträglicher als mehrere, wie er auch in einem Antwortschreiben auf Hufelands Buch, welches im „Journal der practischen Arzneykunde und Wundarzneykunst“ abgedruckt wurde, explizit erklärte. (3) Allgemein propagierte Kant in diesem Antwortschreiben die Einhaltung eines strikt regulierten Tagesablaufs, wie er ihn selbst auch pflegte. Er ließ sich täglich gegen 4 Uhr 45 wecken, machte zu einer festgelegten Zeit seine Spaziergänge und ging pünktlich um 22 Uhr zu Bett. Das ausgedehnte Mittagessen, welches stets um Punkt 12 Uhr 45 begann und zu dem erlesene Gäste geladen waren, gestaltete den wichtigsten Tagesabschnitt.

Kant hatte nicht nur sehr konkrete Vorstellungen hinsichtlich der richtigen Ernährung, auch den begleitenden Umständen des Mittagsmahls betreffend widmete er viel Aufmerksamkeit. Es war sehr wichtig für Kant, niemals alleine zu speisen. An einem verlassenen Esstisch mit seinen Gedanken alleine zu bleiben, empfand er als erschöpfend, weshalb er so einen großen Wert auf mittafelnde Gäste legte, die mit ihrer Unterhaltung Zerstreuung versprachen. Kant stellte auch ausführliche Überlegungen zu den Tischgesprächen an. So war es für ihn essenziell, dass sich alle bei Tisch miteinander unterhalten konnten und die Gesellschaft nicht in kleinere Grüppchen zerfiel. Dies hatte natürlich auch Auswirkungen auf die Anzahl der jeweils geladenen Gäste, die sich stets zwischen der Zahl der Grazien – also dreien – und derjenigen der Musen – also neun – bewegen sollte. Kant selbst hatte in seinem Haushalt sechs Gedecke – die goldene Mitte also.

Ein weiterer wesentlicher Aspekt des Tischgesprächs war für Kant, dass dieses mit einer gewissen Leichtigkeit und Freiheit einhergehen sollte. Die Unterhaltung bei Tisch sollte als Spiel angesehen werden, bei dem keine Streitigkeiten entstehen. Bildete sich doch einmal eine ernsthafte Auseinandersetzung, konnte diese am besten mit einem Scherz beendet werden, um gegensätzliche Ansichten zu versöhnen. Die gemeinsame Mahlzeit stellte also den Rahmen für einen Meinungsaustausch zur Verfügung, in dem nicht jedes Wort auf die Waagschale gelegt werden sollte. Nicht die ernsthafte, tiefgründige Auseinandersetzung mit Argumenten und Gegenargumenten steht im Zentrum des Gesprächs, und das gemeinsame Mahl soll auch nicht allein „die leibliche Befriedigung, – die ein Jeder auch für sich allein haben kann – sondern das gesellige Vergnügen […] zur Absicht haben“. (4)

Kants Welt und physische Geographie

Kants Wissen war äußerst umfassend und beschränkte sich nicht nur auf Dinge, mit denen er unmittelbar konfrontiert war. So hielt er zum Beispiel in Königsberg Vorlesungen über physische Geographie, was die Geographie in den Kreis der akademischen Disziplinen einführte. Dabei erstaunte er seine Zuhörer, zu denen auch der junge Johann Gottfried (von) Herder zählte, mit äußerst klaren Vorstellungen und Beschreibungen über entlegene Länder und Gebiete. Diese Kenntnisse eignete er sich durch die Lektüre zahlreicher Reiseberichte an. (5) Obwohl sich Kant selbst physisch nie weit oder für längere Zeit von seiner Heimatstadt entfernte, reiste er gedanklich doch sehr weit in die in die Welt hinaus. Dadurch wurde sicher auch sein internationales Denken über das menschliche Zusammenleben und die Moralphilosophie beeinflusst.

Mein persönlicher Bezug

Warum spricht einen Österreicher aus Istanbul wie mich, mit einer wehrhaften, säkularen, freiheitlich-demokratischen Grundhaltung, Kant so dermaßen an, dass ich als Verleger ihn abermals den Menschen nahebringen will? Ich finde es wichtig, Kant nicht lange studieren zu müssen, um verstanden zu werden. Es ist schade und bedauerlich, dass die Lehren und Thesen von Kant heute nur für einen kleinen akademischen Kreis im Elfenbeinturm geistig zugänglich sind. Aus diesem Grund ist es mir ein Anliegen, mit diesem Buch die philosophischen Lektionen Kants mit den kulinarischen Kostbarkeiten der türkischen Küche zu verbinden, um beides zu einer sinnlichen Erfahrung praktisch zu vereinen. Kant selbst war von der unauflösbaren Wechselwirkung beider Dimensionen überzeugt: „Gedanken ohne Inhalt sind leer, Anschauungen ohne Begriffe sind blind.“ Ganz in diesem Sinne sollen seine Küche, sein Wohnraum, seine Tischregeln, sein Name und seine Gedanken, kurz seine Philosophie mithilfe der türkischen Küche weitergegeben und schmackhaft gemacht werden!

Geboren bin ich in Sisli, dem ältesten europäischen Stadtteil von Istanbul. Dort habe ich, umgeben von sehr liebevollen Menschen, in einem Stadtteil, welcher früher Konstantinopel genannt wurde, die ersten Jahre meines Lebens verbracht. Obwohl meine Familie muslimisch-alevitischer Abstammung ist, hatten wir bereits damals sehr gute Beziehungen zu türkischen Juden, Griechen und Armeniern gepflegt. Meine Familie ging zum Beten und auf Besuche nicht nur ausschließlich in die „Cem-Häuser“ und Moscheen, sondern auch gelegentlich in jüdische Synagogen und in die orthodoxen oder die katholischen Kirchen.

Synagogen oder Kirchen haben wir als Muslime besucht, weil in unserer Familie auch die Tempel und Gotteshäuser respektiert wurden und wir uns dort ebenfalls sehr wohl fühlten. Insbesondere mochten wir die griechisch-orthodoxen Kirchen mit ihren vielen Ikonen, Bildern, den feierlichen und ausgedehnten Messen und den „Vater unser!“-Gebeten. Auch mit byzantinischer Kirchenmusik bin ich aufgewachsen. Das jüdische Glaubensbekenntnis: „Sma Jisrael adonau elohenu adonai echad“ (sefardisch) – „Höre Israel! Der Ewige, unser Gott, der Ewige ist eins“, zu dem einen einzigen unteilbaren Gott, hatte ich schon als Kind von meinem jüdischen Nachbarn Onkel Isak in Istanbul bei unseren Hausbesuchen mehrmals gehört und dadurch auch automatisch mitgelernt.

Ich gebe zu, ich habe besonders früh verschiedene Religionen aus der Nähe beobachten und erleben dürfen. Jetzt, je älter ich werde, sehe ich das als die größten Gnadengaben meines Lebens, die ich empfangen durfte. Meine Eltern haben mir diese Begegnungen ermöglicht, wofür ich ihnen sehr dankbar bin, indem sie es selbst in einem großen Freiraum vorgelebt haben.

Ich habe später gelernt, dass es in der Transzendentaltheologie nicht darum geht, einen Gottesbeweis zu führen, sondern darum, darzulegen, wie eine religiöse Erfahrung überhaupt einen Wahrheitsanspruch haben kann.

Jede einzelne Religion sollte unter bestimmten Voraussetzungen ihren Wahrheitsanspruch vertreten dürfen. Wir leben 2020 und haben in Österreich eine Verfassung, die in diesem Jahr 100 Jahre alt wird. Die Verfassung, die wir als freiheitliche, demokratische und wehrhafte Demokraten schützen müssen, damit alle Religionen und deren Mitglieder in ihrer Würde und unter dem Schutz der  Grundrechte ohne Einschränkung leben können, ohne religiöse Unterwanderung des durch Gewaltenteilung sich auszeichnenden Rechtsstaates, verbindet uns miteinander.

Ich möchte hier noch weiter gehen und diesen Gedanken vertiefen. Wie kann der transzendentale Gott im Diesseits erkannt werden, obgleich sein Wesen die sinnliche Wirklichkeit transzendiert, also überschreitet?

Dazu gibt uns der katholische Moraltheologe Karl Rahner eine Antwort:

„Was wir transzendentale Erkenntnis oder Erfahrung Gottes nennen, ist […] insofern eine aposteriorische Erkenntnis als die transzendentale Erfahrung des Menschen von seiner freien Subjekthaftigkeit sich immer nur in der Begegnung mit der Welt und vor allem der Mitwelt ereignet. […] Dennoch ist die Erkenntnis Gottes eine transzendentale, weil die ursprüngliche Verwiesenheit des Menschen auf das absolute Geheimnis ein dauerndes Existential des Menschen als eines geistigen Subjektes ist.“ [6]

Kants Lieblingsessen: Fisch Kabeljau (Turska, Türkei)

Gerade in unserer heutigen Zeit, die leider immer wieder stark von Intoleranz und Ignoranz geprägt ist, ist es besonders wichtig, Ausschau nach Gemeinsamkeiten statt Unterschieden zu halten. Diese Gemeinsamkeiten lassen sich oft in Dingen finden, die unbedeutend erscheinen, es aber beileibe nicht sind. Kants Vorstellung einer Tischgesellschaft soll hier als Exempel dienen. Für den deutschen Philosophen standen Geselligkeit und Unterhaltung im Mittelpunkt der gemeinsamen Mahlzeit – eine Einstellung, wie sie uns auch aus der Türkei bekannt ist. Gleiche Ideen und Vorstellungen können also unabhängig von räumlichen und kulturellen Gegebenheiten vorhanden sein. Das gemeinsam Geteilte entdeckt man oft in den kleinen Dingen des Alltags, denen nur allzu selten angemessene Aufmerksamkeit zugeteilt wird. Auch über Kants Lieblingsspeise, den Kabeljau, lässt sich auf etymologischer Ebene eine interessante internationale Brücke bauen. So heißt der bei uns auch als Dorsch bekannte Fisch im Finnischen turska – was auf Kroatisch Türkei bedeutet. In den kontinentalskandinavischen Sprachen, also Dänisch, Schwedisch und Norwegisch, wird der Kabeljau torsk genannt, was mit der finnischen Variante nahe verwandt ist. Jedoch endet die Verbindung Skandinaviens zur Türkei hier noch nicht. Der altnordischen Mythologie nach stammen die skandinavischen Götter ursprünglich aus Asien, genauer gesagt der heutigen Türkei. Der Göttervater Odin wird in der Forschung interessanterweise oft mit einem türkischen Schamanen gleichgesetzt. Durch ihn und seinesgleichen etablierten sich viele türkische Wörter in den skandinavischen Sprachen, allen voran der Name Odins selbst, der sich aus dem türkischen Wort „Odun“ (Holz) beziehungsweise „Od/Ot/Vot/Vod“ (Alttürkisch: Feuer, Schamanenfeuer) ableiten lässt und an den Lebensbaum sowie die Naturverbundenheit der türkisch-schamanischen Religion erinnert. Die Natur und der Mensch waren für die nordische Bevölkerung ein Herz, eine Seele und mit einer moralischen Pflicht verbunden.

„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. (…) Zu dieser Aufklärung aber wird nichts erfordert als Freiheit; und zwar die unschädlichste unter allem, was nur Freiheit heißen mag, nämlich die: von seiner Vernunft in allen Stücken öffentlichen Gebrauch zu machen. (…)“. Wenn denn nun gefragt wird: „Leben wir jetzt in einem aufgeklärten Zeitalter?“, so ist die Antwort: „Nein, aber wohl in einem Zeitalter der Aufklärung.“ Diese Worte von Kant, sind heute noch genauso aktuell wie zu Lebzeiten des großen Philosophen vor ca. 300 Jahren und sollten viel öfter Beachtung finden. Es ist noch ein weiter Weg dahin, uns als tatsächlich aufgeklärte Gesellschaft bezeichnen zu können. Wir als Neue Welt Verlag möchten mit diesem Buch einen Schritt in diese Richtung wagen.

Meine Deutschland-Erfahrungen

Vom sechsten bis zum zwölften Lebensjahr, verbrachte ich mein Leben in Kiel, im hohen Norden von Deutschland. Mir ist die einzigartige Küstenlandschaft der Ostsee mit ihren weiten Stränden, der lieblichen See, aber auch der rauen Sturmflut und ihrer Nebellandschaft sehr vertraut und wunderschön in Erinnerung geblieben. Oft machte mein Vater mit mir, als einzigen Sohn und jüngsten meiner Geschwister, lange Spaziergänge und philosophierte mit mir über Lebensweisheiten als wäre ich schon erwachsen. Er wollte mich alles lehren, was mir im Leben nützlich sein könnte. Er hat dabei oft über den Begriff ahlak gesprochen, was man mit „Moral“ beziehungsweise „Ethik“ übersetzen kann.

Erst später habe ich erfahren, dass in dieser Küstenlandschaft, auf der gegenüberliegenden Seite der Ostsee, im ostpreußischen Königsberg/Kaliningrad Immanuel Kant lebte, dessen Schriften mich schon früh interessierten und in ihren Bann zogen. Im Laufe meines Lebens drängten mich die gesellschaftlichen und religiösen Fragen immer wieder dazu, die kantischen Theorien zu studieren. In meinen verfassten Analysen und Essays in türkischer Sprache zitiere ich den großen Philosophen immer wieder mit großer Freude.

Nun wieder zurück zu meiner Kindheit: Nach diesen langen Spaziergängen mit meinem Vater kamen wir stets zum gemeinsamen Essen nach Hause, welches meine Mutter zubereitete. Wir pflegten, die Hauptmahlzeit des Tages als Familie gemeinsam zu uns zu nehmen.

Beim gemeinsamen Abendessen waren meist meine Eltern, meine beiden Schwestern sowie unsere Nachbarin Oma Eva anwesend. Oma Eva war nicht unsere leibliche Oma, sie wurde von uns jedoch trotzdem so genannt und wie ein Familienmitglied behandelt. Sie hat mit mir seit dem ersten Tag in der neuen Heimat Deutsch gelernt. Oftmals klopfte ich an Oma Evas Tür, weil bei uns noch niemand zuhause war. Ich habe dann schwarzen Tee mit Kuchen bekommen und lauschte den vielen interessanten Geschichten. Dadurch habe ich mich nicht alleine gefühlt. Ich denke aus heutiger Sicht, dass es Oma Eva ähnlich ergangen ist. Das Ganze war in den Siebziger Jahren. Ihr Ehemann war schon länger verstorben und auch ihr Hund hatte  sie kurz zuvor verlassen. Somit konnten wir gegenseitig füreinander da sein und eine innige Freundschaft entwickeln. Dank Oma Eva lernten wir auch deutsche beziehungsweise christliche Feste und Bräuche kennen und feierten diese mit ihr gemeinsam, wie beispielsweise Weihnachten. Da ich schon durch die Schule vieles über dieses christliche Fest erfahren hatte und auch weil wir Jesus immer als Propheten sehr geliebt und respektiert haben, feierten wir gemeinsam mit Oma Eva Weihnachten. Und das, obwohl das Geburtsfest Jesu für uns keine religiöse Bedeutung hatte. Weihnachten ist seitdem auch für uns eine Zeit, in der die Familie besonders wichtig ist. Ich glaubte sogar ein paar Jahre lang an den heiligen Nikolaus, da meine Eltern mir dieselben Geschichten erzählten, wie sie meine Schulkameraden erzählt bekamen. Meine Eltern wollten, dass ich mich in der Schule integriert fühle. Außerdem stammt ja der Nikolaus  bzw. Paulus sogar aus der heutigen Türkei (Antalya, Tarsus)  und auch der Weihnachtsbaum hat übrigens seinen Ursprung in einem urtürkischen Brauch – wie ich später erfahren habe. Der Reformator Martin Luther hat die Weihnachtsfeste aus nordsibirischen und mittelasiatischen Gebieten, die mit den Ungarn nach Europa kamen, zunächst in die protestantischen Wohnstuben gebracht. Von dort verbreiteten sich die verschiedenen Weihnachtsbräuche in ganz Europa und schließlich in die ganze Welt. Bis heute schätze ich dieses Brauchtum sehr. Nicht zuletzt die Tatsache, dass Menschen durch das gemeinsame Essen, Trinken, Beten und Singen an den Festtagen zusammenfinden, spielt für mich eine besonders wichtige Rolle.

In der Grundschule in Kiel war ich mit meiner Lehrerin sehr zufrieden. Ich glaube sie war meine „erste Liebe“. Ich meine das natürlich so, dass ich sehr gerne in die Schule gegangen bin, immer ganz vorne sitzen wollte und meine Lehrerin einfach sehr gern mochte. In der ersten Klasse haben wir, wie das üblich ist, das Alphabet gelernt, einfache Rechnungen durchgeführt und gebastelt. Mein Sitznachbar Thomas war ein sehr guter Freund, den ich sehr schätzte. Ich lernte in dieser Phase meines Lebens sehr viel und ich danke meiner Lehrerin für ihre liebevolle Unterstützung. Durch Personen wie sie habe ich unter anderem meinen großen Respekt und meine Liebe zu Deutschland entwickelt, auch wenn ich immer wieder eine kritische Meinung zu gewissen Ereignissen hatte und habe. So haben mich politische Fragen und Entwicklungen schon früh interessiert und herausgefordert. Konsequenterweise habe ich daher später in Österreich zwei Zeitungen und einen Verlag gegründet, um über alle diese mir so wichtigen Dinge berichten und diskutieren zu können und zusätzlich eine mediale Plattform für Autoren und Wissenschafter zu schaffen.

Die Bundesrepublik Deutschland erlebte nach dem Zweiten Weltkrieg einen enormen Aufschwung und doch spürte man die Spuren des Krieges noch lange. Ich erinnere mich gerne an diese Zeit zurück und schließe Oma Eva genauso wie die anderen Mitglieder meiner Familie und meine leiblichen Großeltern stets in meine Gebete mit ein. Gegen Türkinnen und Türken hatte die deutsche Generation des Ersten und Zweiten Weltkriegs keine Vorurteile. Vielleicht auch wegen Kemal Atatürk, dem Gründer der modernen Türkei, der das Land zu einer laizistischen Republik ernannt und somit einen modernen Nationalstaat erschaffen hat. Auch war die Türkei ja im Ersten Weltkrieg verbündet gewesen und im Zweiten Weltkrieg neutral geblieben. Es gab von politischer Seite keinerlei Feindschaften. Es wurden in Deutschland die Frauenrechte erweitert und Reformen durchgeführt, von denen viele auch für die Deutschen einen Traum erfüllten. Auch mein Vater, meine Mutter und meine Großmutter haben die Deutschen und Deutschland gemocht.

Genauso war es auch später in Österreich. Wir waren einmal gemeinsam als Familie in Wien. Eine gut situierte Tante hat uns, in dem damals noch sehr armen Wien, in einer Maisonette-Wohnung empfangen. Das war meine erste Begegnung mit Wien…

Meine Großmutter war 1896 geboren. Auch sie hat Österreich sehr geliebt. Sie war einmal in Schönbrunn und hat dort viele Fotos gemacht, die sie uns in Istanbul oft zeigte. Außerdem präsentierte sie uns das Deutsch, das sie dort gelernt hatte – Worte wie Brot und die Zahlen eins bis zehn. Wir haben die Wiener sehr geschätzt, weil sie sehr freundlich zu uns Türkinnen und Türken waren. Damals war das tatsächlich noch so. Man hatte Respekt voreinander und es wurden keine Konflikte geschürt. Die Menschen aus der Türkei waren in Österreich und in Deutschland zeitgemäß und modern. Ich habe all das in guter Erinnerung, weil die Menschen in meiner Umgebung sehr friedliche, liebevolle Brückenbauer waren.

Heute merke ich sehr oft, dass die Worte Friede, Liebe und Brückenbauer inhaltsleer geworden sind und scheinheilig für politische Zwecke inflationär verwendet werden. Es gilt, diese Begriffe wieder mit neuem Inhalt zu füllen.

Diese Einstellung zur Liebe, zum Frieden und zum politischen Brückenbauen sollte man zuerst selbst, im Kampf gegen den inneren Schweinehund gewinnen. Ich gebe gerne zu, dass ich immer wieder kleine Fehler mache, aber zum Glück keine Kardinalfehler. Trotzdem muss ich mich täglich verbessern und täglich an mir arbeiten. Denn auch wenn ich viel Wissen habe, mache ich in der Anwendung Fehler. Ich möchte kein Moralapostel sein, trotzdem sage ich, dass wir uns bemühen müssen und die mit Schweiß erarbeiteten und gewonnenen Rechte und Systeme, wie den Rechtsstaat Österreich, nicht so leichtfertig aufs Spiel setzen dürfen. Insbesondere in so einem demokratischen Staat wie Österreich ist es eine Frage der politischen Verantwortung aller Bürgerinnen und Bürger, die Grundrechte zu verteidigen. Österreich ist, wie es auch in der Nationalhymne besungen wird, tatsächlich ein sehr „geprüftes Land“ mit all seinen Töchtern, Söhnen und Erfahrungen. Und Österreich steht auch heute noch vor großen Prüfungen. Egal welcher Abstammung wir sind oder welchen Glauben und welche politischen Ansichten wir haben, wir sollten jeden Tag dafür Sorge tragen, einen kleinen Beitrag für das Allgemeinwohl zu leisten. Und sollte uns das auch nicht immer gelingen, dann können wir wenigstens versuchen, uns selbst und unseren Mitmenschen keinen Schaden zuzufügen. Dieser Vorsatz ist für mich wichtig … Wir dürfen nicht auseinanderdividieren, wir dürfen Macht nicht missbrauchen und wir müssen insbesondere einen Staat schaffen, der gegenüber allen Religionen gleiches Recht und gleiche Distanz gelten lässt. Alle Religionen und ihre Vertreter müssen ebenfalls dem Religionsmissbrauch und dem politisieren der Religionen entgegenwirken. Und genau hier gewinnt die Moralphilosophie von Kant wieder ihre Relevanz.

Schließlich war Kant der wichtigste neuzeitliche Philosoph, der versuchte, eine allgemeingültige Formel moralischer Gesetze zu finden. Oft verbindet man mit Ethik umgangssprachliche verkürzte Sätze wie: „Was Du nicht willst, dass man Dir tuʼ, das fügʼ auch keinem anderen zu“. Wie wir bereits in unserer Publikation „Kants Wanderung über das Nebelmeer“ feststellen mussten, stimmen diese Sprichwörter mit den Kant’schen Theorien nur bedingt überein, weil sie diese sehr vereinfachen. So lautet der Kant’sche kategorische Imperativ eigentlich dahingehend, dass man sich so verhalten soll, dass es auch als allgemeines Gesetz gelten kann. Als Kriterium, ob eine Handlung moralisch gut sei, wird hinterfragt, ob sie einer Maxime folgt, deren Gültigkeit für alle, jederzeit und ohne Ausnahme akzeptabel wäre und ob alle betroffenen Personen nicht als bloßes Mittel zu einem anderen Zweck behandelt werden, sondern auch als Zweck an sich.

Anglikanische Christen prägten den Ausdruck der „Goldenen Regel“ zunächst für die in der Bibel überlieferten moralischen Gebote, die das Thoragebot der Nächstenliebe als allgemein gültiges und einsehbares Verhalten auslegen. Aber nicht nur das Judentum und das Christentum, sondern auch die islamische, indische, die jainistische und die buddhistische Religion kennen eine Goldene Regel. Der kategorische Imperativ stellt in diesem Zusammenhang die komplexeste Reflexion einer solchen Goldenen Regel dar und damit einhergehend die philosophiegeschichtlich bedeutendste Prägung eines allgemeingültigen moralischen Prinzips. Die Grundsätze der drei großen Weltreligionen sind eigentlich auf der gleichen Basis wiederzufinden, wenn sie nicht durch Manipulation, Vernebelung und Verzerrung aus dem historisch-kritischen Kontext gerissen werden. Die Verlagsphilosophie des Neue Welt Verlags lautet daher Aufklärung statt Vernebelung, Tiefenschärfe statt Oberflächenpolitur, Empathie statt Egomanie, Auseinandersetzung statt Belehrung, Differenzierung statt Vereinfachung, Analyse statt Infotainment.

Der Neue Welt Verlag will in diesem Sinne zeitgemäße Themen anbieten: Politik, Zeitgeschichte, Religion, Philosophie. Also Wissenswertes aber auch Unterhaltsames. Wir wollen außerdem Autorinnen und Autoren unterschiedlichster Kulturen und Religionen in das Zentrum der Aufmerksamkeit rücken, um einen Diskurs für eine offene Gesellschaft zu ermöglichen. Denn in Wirklichkeit, sind wir alle Philosophen. Wer fragt nicht nach dem „wie“ und dem „warum“, nach dem höheren Sinn? Jeder hat sich diese zutiefst menschlichen Fragen schon einmal gestellt. Unsere Bücher sollen jeden Menschen dazu ermuntern, sich nicht einfach mit schnellen Antworten zufriedenzugeben, sondern sich selbst „ein Bild zu machen“.

Damit passt Kant hervorragend in die Verlagsphilosophie des Neue Welt Verlags, die dabei helfen soll, die oft vermeintlichen kulturellen Schranken zu überwinden, damit Hass, Vorurteile und Intoleranz endlich der Vergangenheit angehören. Dieser Herausforderung möchten wir uns stellen, auch wenn uns bewusst ist, dass dieser Weg kein einfacher ist. Wir möchten Brückenbauer zwischen den Kulturen, Religionen und Standpunkten sein. Immanuel Kant soll hier als gutes Beispiel dienen und als Vorbild vorangehen. Er war ein aufgeschlossener Mensch, wie sich schon an den unterschiedlichsten Gästen zeigte, die er zum Essen einlud. Ohne Königsberg zu verlassen, knüpfte er Verbindungen zu fernen Ländern über die Vielfalt, die er in seiner Heimatstadt kennenlernte. Er hieß die Welt und was sie zu bieten hatte willkommen und zeigt uns damit, dass es nicht nötig ist, die Welt zu bereisen, um weltgewandt zu sein. Dafür reicht alleine der Mut, sich auf Neues und bisher Unbekanntes einzulassen.

Die Philosophie des Neue Welt Verlags ist die Verständigung zwischen den Kulturen und Toleranz gegenüber anderen mit Hilfe von Literatur zu fördern. Nur wer sich nicht weiterbildet, hat Angst vor dem Fremden und vor Aufklärung. Literatur hilft dabei, wissend und folglich aufgeklärt und tolerant zu werden. Die Literatur in ihrer Funktion als Medium des gesellschaftlichen Diskurses verschafft uns Zugang zu „neuen Welten“, und zwar im direkten wie im übertragenen Sinn. Wir müssen uns bemühen, auch im Unbekannten das Gute zu erkennen und im Fremden auch Eigenes zu suchen. Kulturelle oder auch religiöse Unterschiede sollten nicht als Schranken gesehen werden, die zur Abgrenzung dienen. Ganz im Gegenteil: je besser sich die Kulturen kennenlernen, desto näher werden sie zusammenrücken! Das ist nicht nur die Grundlage für ein Zusammenleben in Frieden, sondern auch das Humanitätsideal der kantischen Moralphilosophie. Der Fokus sollte dabei auf dem Gemeinsamen liegen, was wir mit unseren Publikationen und speziell mit diesem originellen Kochbuch zum Ausdruck bringen möchten. So sollen türkische Köstlichkeiten im Spiegel von Kants Gedankenwelt eine kulinarische sowie auch philosophische Bereicherung darstellen. Wir wünschen Ihnen, liebe Leserin und lieber Leser, und auch besonders den Hobbyköchinnen und Hobbyköchen, gutes Gelingen und fröhliche Gesprächsrunden mit Ihren erlesenen Gästen.

Ein österreichisches Sprichwort sagt: „Durch’s Reden kommen d’Leut zam.“  Mit dieser genüsslichen Lektüre laden wir auch Sie zum Brückenbau durch gemeinsames Essen und Trinken und vor allem durch empathische Dialoge zwischen den Menschen, den Kulturen und den Nationen ein!

Mit herzlichen Grüßen aus Wien,

Birol Kilic

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Quellen:
[1] Christoph Wilhelm Hufeland: Die Kunst, das menschliche Leben zu verlängern. Zweyter Theil. Wien und Prag, 1798. S. 156.

[2] Arsenij Gulyga: Immanuel Kant. Aus dem Russischen übertragen von Sigrun Bielefedt. Frankfurt/Main, 1981. S. 196.

[3] Vgl. Immanuel Kant: Von der Macht des Gemüths durch den blossen Vorsatz seiner krankhaften Gefühle Meister zu seyn, von I. Kant. Ein Antwortschreiben an Hrn. Hofr. und Professor Hufeland. In: Journal der practischen Arzneykunde und Wundarzneykunst 5 (1797), 4, S 701–751, hier: S. 729.

[4] Johann Friedrich Herbart (Hg.): Immanuel Kants Anthropologie in pragmatischer Hinsicht. Vierte Originalausgabe mit einem Vorwort von J.F.Herbart. Leipzig 1833. S. 241.

[5] Vgl. https://www.spektrum.de/lexikon/geographie/kant-immanuel/3975.

[6] Karl Rahner: Grundkurs des Glaubens, 1976, S. 61

Bedeutende Werke Kants

1755: „Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels oder Versuch von der Verfassung und dem mechanischen Ursprunge des gesamten Weltgebäudes nach Newtons Grundsätzen“
1781: „Kritik der reinen Vernunft“
1784: „Was ist Aufklärung?“ (Artikel in der freigeistigen „Berlinischen Monatsschrift“)
1785: „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“
1788: „Kritik der praktischen Vernunft“
1794: „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“
1795: „Zum ewigen Frieden“

Immanuel Kant: „Zum ewigen Frieden“ (1795)

Der Fanatiker „ist eigentlich ein Verrückter von einer großen Vertraulichkeit mit den Mächten des Himmels. Die menschliche Natur kennt kein gefährlicheres Blendwerk“.

Immanuel Kant: „Versuch über die Krankheiten des Kopfes“ (1764)

„Da die Art, wie Staaten ihr Recht verfolgen, nur der Krieg sein kann – so muss es einen Bund von besonderer Art geben, den man den Friedensbund nennen kann …“

Immanuel Kant: „Zum ewigen Frieden“ (1795)

„Gemütsarten, die ein Gefühl für das Erhabene besitzen, werden durch die ruhige Stille, wenn das zitternde Licht der Sterne durch die braunen Schatten der Nacht hindurchbricht, allmählich in hohe Empfindungen gezogen.“

Immanuel Kant: „Beobachtungen über das Gefühl des Schönen und Erhabenen“ (1764)

„Erhaben ist also die Natur in derjenigen ihrer Erscheinungen, deren Anschauung die Idee ihrer Unendlichkeit bei sich führt.“

Immanuel Kant: „Kritik der Urteilskraft“ (1790)