Ortsanschauungen

Kathole oder Sozi?

von Edgar Forster

Der Autor Edgar Forster schildert seine Kinder- und Jugendjahre in verschiedenen Regionen Bayerns. Angefangen mit Schulstreichen spürt man zunehmend den Geist der Rebellion, der die späten 60er Jahre kennzeichnet.
Die großen Weltanschauungen des Katholizismus und Sozialismus machen auch vor den Mikrokosmos bayerischer Kleinstädte nicht Halt. Edgar Forster zeigt in seinen Ortsanschauungen wie diese ideologischen Auseinandersetzungen auf lokaler Ebene zum Teil in lustigen, zum Teil in lächerlichen Episoden ihren Ausdruck finden. Don Camillo und Peppone gibt es eben auch in Bayern.

Märchen

Leyla und Medjnun

von Aras Ören, Peter Schneider

Der Zenne zieht aus einem Stapel eine Karteikarte hervor, studiert sie.
Heute restaurierte ich LM-88714, eine Geschichte aus dem fernen Orient, meine letzte Verschwundene, Wer außer mir kennt sie, wer wird sie vermissen? Wer wird euch hören, wer mit euch streiten, wen solltet ihr rühren, Leyla und Medjnun? Nützt die Zeit, die ich euch gebe, wehrt euch, widerlegt, überwältigt mich, sucht für eure Geschichte einen anderen, einen glücklichen Schluss. Denn in zwei Stunden seid ihr wieder Papier.
Der Zenne zieht den Vorhang auf. Auf der Bühne liegen und kauern die Mitspieler des Stücks, bewegungslos. Der Zenne nähert sich ihnen mit einer Karteikarte, spricht ihnen Stichwörter zu: Locken… Anmut… Her…. zu singen…. Ruine nieder… die alten Lieder…. mich Armen wieder. Leyla und Medjnun nehmen die Stichworte auf, aus den Worten entsteht ein Duett.

Literaturzeitschriften

Sirene. Zeitschrift für Literatur

Band 20 und 21/1999

In diesem Heft lesen Sie Beiträge von:
Dunja Bialas, Ismail Cho’i, Sabine Gass, Stammatis Gerogiorgakis, Costas Gianacacos, Christian Greiff, Franz J. Herrmann, Wolfgang Heyder, Berkan Karpat, Pinar Gür, Silvana Schneider, Zafer Senocak, Helmut Vakily

hey liebe ferne freunde
in diesem haus mag ich nicht länger kommen was nicht gehört: die identität das schönste im leben ist das was wir lieben

Mein Herz war müde des Klosters, zur Schenke kommt es und staunt, Wohin ist der Wein gekommen, und die ihn tranken, wohin? Hafis (1330 -1389)

Literatur

Wie die Spree in den Bosporus fließt

von Aras Ören, Peter Schneider

Sommer 1990. Berlin im Taumel der Wiedervereinigung.
Aras Ören, ein Istanbuler in Berlin, schreibt an Peter Schneider, der sich in dieser Zeit in Istanbul aufhält. Lyrische Essays in Briefform, die Peter Schneider zu Antworten provozieren. „Wie die Spree in den Bosporus fließt“ dokumentiert den Beginn eines Dialogs eines Dialogs zwischen den beiden Schriftstellern zu aktuellen existentiellen Fragen, zu Kulturen, Wertvorstellungen … Ein Dialog, der – so fragmentarisch wie er ist – zum Weiterdenken einlädt.

Leseprobe:

… Lieber Peter,
wie viel Kilo wiegt die Liebe? Oder: wie viel Zentimeter misst der Egoismus?
Weißt du gar wie viel Atü Hochmut hat?
Und Freiheit und Demokratie und die Grundrechte – wie viel Joules?

Klingt das abwegig? Oder führen uns nicht Positivismus und Rationalismus zu diesen Fragen? Wenn Maße absolut sind und wenn alles mit allem vergleichbar sein soll…

Kurzgeschichten

Frosch im Hals

von Luiz Vilela

Die Menschen in Luiz Vilelas Kurzgeschichten befinden sich in entscheidenden Situationen, an toten Punkten oder möglichen Wendepunkten oder im Leben. Es sind Geschichten vom Scheitern, das nicht als solches ausgewiesen ist. Luiz Vilela beobachtet den Alltag meist einsame Menschen und zeigt ihre kleinen Dramen auf, die eigentlich die wirklich großen im Leben eines jeden sind.
„Er blieb allein am Tisch zurück, allein mit dieser Vergangenheit, für die er keine Vergebung erhalten hatte. Was sollte er noch tun? Er hatte getan, was er konnte. Er konnte nichts weiter tun. Aber, überlegte er, es stimmte. Ja, so war es. War er nicht auch ein Opfer? Also sollte er sein Leben lang diese Reue hinter sich herziehen, genauso wie der andere sein Bein.“

Leseprobe:

… Eine große Truhe: Da mussten viele interessante Sachen begraben sein. Ich hob den Deckel: leer. Dahinter stand ein an die Wand gelehnter, eigenartig geformter Holzkasten, ein Geigenkasten. Das war der aufregendste Moment dieses Abenteuers, das meine Neugier bisher nicht besonders angestachelt hatte; die Geige jedoch versöhnte mich. Ich brachte den Geigenkasten in den helleren Teil des Kellers und machte ihn auf: Innen war er mit violettem Filz ausgeschlagen: ein Sarg. Beim Öffnen fühlte ich, wie etwas seit langem Totes und Eingesperrtes mit dem Licht plötzlich wieder erwachte und jetzt darauf drängte, aus dem Keller in das Leben voller Luft, Klang und Helligkeit zurückgeholt zu werden…

Kochbücher

Türkische Köstlichkeiten I

Wenn auch Sie das Geheimnis entdecken möchten, warum der Imam in Ohnmacht fiel, dann sollten Sie sich das soeben erschienene Kochbuch „Türkische Köstlichkeiten I“ nicht entgehen lassen. Das Buch gewährt es dem Leser sowohl einen Einblick in die Geschichte und Kultur als auch in die Praxis der türkischen Küche. Der Band beinhaltet 88 Farbfotos in hoher Druckqualität  und besteht aus zwei Teilen.
Im ersten Teil werden die Geschichte und vor allem die Vielfalt der traditionellen Zubereitung türkischer Speisen beschrieben. In diesem Kapitel wird unter anderem von Essgewohnheiten bei türkischen Sitten und Bräuchen berichtet. Ergänzt wird der erste Teil durch eine Liste besonderer Zutaten und Gewürze. Die genauen Erläuterungen zu verschiedenen Speisen und ihrer Zubereitung, sowie die Erläuterungen zur Geschichte des Osmanischen Reiches, lassen den Leser in die türkische Ess- und Küchenkultur eintauchen. Der zweite Teil des Buches widmet sich ausschlie_lich den Rezepten, wobei die Gerichte so ausgewählt wurden, dass sie die Hauptrichtungen der türkischen Küche repräsentieren: Suppen, Salate, Vorspeisen, Fische, Fleisch- und Gemüsegerichte, Reis- und Teigwaren sowie Sü_speisen. Da diese Speisen von verschiedenen Personen zubereitet, die Zutaten und Arbeitsschritte genau protokolliert wurden und danach die Protokolle von Fachleuten in Rezepte umgeschrieben wurden, ist ein leichtes Nachkochen garantiert.

Leseprobe:

… Von den etwa vierzig Gemüsesorten auf der ganzen Welt – außer den regionalen Spezialitäten – wird ein Großteil in der Türkei angebaut. Zwei Abschnitte in der Geschichte waren für das Gemüse von großer Bedeutung:
Die Entdeckungsreisen und der sich daraus entwickelnde Welthandel zwischen dem 14. und 18. Jahrhundert bescherten u. a. auch der türkischen Küche Zutaten, ohne die die meisten türkischen Gerichte nicht denkbar sind. Man denke nur an Tomaten oder Kartoffeln.
Der zweite Wendepunkt kam im 19. Jahrhundert mit der Entwicklung der Technik. durch neue Konservierungsmethoden, den Bau von Gewächshäusern und die Erweiterungen der Transportmöglichkeiten, aber auch durch die Methode des Tiefkühlens kam das Gemüse in alle Küchen und in viele Gerichte. Die Art des gesunden Kochens und die weltweit zunehmende Zahl der Vegetarier führten zur Popularität von allen Gemüsesorten. …

… Die Ofenform mit der Hälfte der Teigblätter auslegen und die Nussmischung darauf verteilen. Die restlichen Teigblätter darauf legen. Den Nusskuchen mit einem scharfen Messer in der Form in kleine Rauten schneiden. Die restliche Butter …

Kinderbücher

Caspar, Melchior & Balthasar

von Franz J. Herrmann

Illustrationen: Jan Richter

Jan Richter arbeitet als freiberuflicher Zeichner und Illustrator in München.
Franz J. Herrmann lebt und arbeitet als Redakteur, Journalist und Autor in München. Er hat bislang Gedichtbände, Kolumnen und Erzählungen veröffentlicht.

Leseprobe:

… Auch zum Schmusen nicht. Es ist eben, wie es immer ist, wenn die Augusta Treverorum verlassen müssen. Nur heute findet Caspar es ganz besonders schlimm. Gestern noch wurde er vom Publikum wie ein kleiner Star gefeiert. Denn diesmal durfte auch er in der Manege stehen. Caspar hatte seinem Papa all die Utensilien gereicht, die ein Löwenbändiger braucht: die züngelnde Peitsche, die brennende Fackel und natürlich Hassans purpurroten Mantel…

Gedichte

Auf dem Schiff zum Mars

von Berkan Karpat, Zafer Senocak

waschzettel für den derwisch

wir kreieren einen raum
unser leser
in diesem raum ist ein hörer
ein hörender leser
ein hörraum für stimmen

wir enteignen die literatur
führen selbstgespräche
unlogische derwisch-monologe
wandern in stimmenkreiseln

wörter sind aktionen von körpern
schlaf-aktionen
atemreste

reste in ton
und material
führen gespräche

jedes wort einzelgänger
sein klang gegenüber

Leseprobe

… zum spielen
der rote apfel zwischen den sternen
zum spielen zwischen den sternen
ein riesiger roter apfel
ein warmes brot
wenigstens für einen tag
für ein schiff voller kinder
in salz
salz gewordene kinder
wie man sonne bricht
und in salz taucht
zwischen den sternen
ein schiff voller kinder
in salz
salz gewordene kinder
auf dem schiff zum mars …

Erzählungen

Mir und die Anderen

von Edgar Forster

Bayern umfasst nur 2 Promille der Erdbevölkerung, auf dem Globus ist es so klein, dass man es kaum erkennen kann, aber es ist kulturell bekannt wie kaum ein anderes Land. Das Buch schildert das Zusammentreffen von Bayern und Nichtbayern. Die Daraus entstehenden (Miss)-Verständnisse sind lustiger bis tragikomischer Natur.
Bayern und Nichtbayern – Who ist who

Abhandlungen

TOD – Ein Tabu?

von Michael Wolffsohn

Universalgeschichte des Todes

Der fremde, anonyme Tod ist allgegenwärtig. Was wäre unser Kino oder Fernsehen ohne Krimis und Tod, Einzeltod und Massentod, Ermorden und Erwürgen und Erschießen, Mord und Totschlag, mit oder ohne Bestattung, alles nicht friedlich, doch Endstation Friedhof? Zur Kulturgeschichte der Menschheit gehört die Angst vor dem eigenen Tod ebenso wie vor dem Tod des oder der geliebten Menschen. Im Banne dieser Ängste lebt der Mensch heute, lebte er immer. Rituale und Brauchtum vertreiben nicht den Schmerz, aber sie lindern ihn. Wir Menschen sehnen uns nach den Toten – und haben dennoch auch vor ihnen Angst und tabuisieren somit die Existenz der Toten. Wir lassen sie sozusagen ein zweites Mal sterben.

Weil wir nicht glauben, haben wir noch mehr als Gläubige Angst vor dem Tod und tabuisieren ihn. Wir betrügen uns dabei freilich selbst. Wie man stirbt, so lebt man. Und wenn man den eigenen Tod oder das mögliche Ableben der Nächsten und Liebsten und auch die Trauer tabuisiert, wird man immer einsamer und einsamer und einsamer, die Gesellschaft immer frostiger, das Leben immer weniger lebenswert.

Michael Wolffsohn schreibt eine packende Universalgeschichte des Todes und liefert eine schonungslose Analyse unserer Gegenwartskultur.

Leseprobe:

… Die Lüge vom Tabu des Todes ist eine Menschheitslüge, seit eh und je, von mittelalterlichen Ausnahmen abgesehen, und auch in jener Ausnahme-Epoche gab es Ausnahmen. Nicht nur (nur?) der Tod schreckte, sondern auch und besonders das Sterben: der aufs rein Körperliche zurückgeführte Mensch erschreckt nicht nur, er stößt ab, erst recht in einer Gesellschaft, in der Hygiene und Sauberkeit alles ist. Weil das Sterben nicht sauber ist, tabuisiert man auch die Sterbehilfe oder, besser noch: man tritt sie anderen ab; gegen Bezahlung, versteht sich, denn alles und jedes kann man für Geld bekommen. Nur nicht die Seele …