Erzählungen

Spleen Berlin 1

von Wolfgang Heyder

„Er wusste aus langer Berufserfahrung, wie wichtig junge hübsche Mädchenleichen für das Zustandekommen spannender Stories sind. Demonstrativ zog er das Spleen-Barometer aus dem Diplomatenköfferchen. Ergebnis, wie erwartet: Das digitale Verstimmungsfrühwarnsystem schwieg. Spannungsbogen steigend, statistisch-imaginär hochgebogen steigend, statistisch-imaginär hochgerechnete Leserbeteiligung: circa 75%. Noch keine Abschaltquote. Nur die Situationskomik hätte etwas besser ausfallen können. Er würde sich Mühe geben müssen, die Diagonalleser bei der Stange zu halten.“

Leseprobe:

… Ich wollte zurück nach Berlin. Ich hatte Heimweh nach Havel und Spree und nach meinen Berlinern. Nachdem ich alliierten Truppen bei Waterloo, in der Schlacht von Belle Alliance, den kleinen Korsen endgültig besiegt hatten und in Paris einmarschiert waren, wurde ich unter lautem Jubel der preußischen Bevölkerung über Lüttich, Aachen, Düsseldorf, Elberfeld, Braunschweig und Potsdam mit Kränzen, Girlanden, Gedichten, mit Sinnsprüchen und Inschriften aller Art zum Willkommen geschmückt, unter Kanonendonner, Glockengeläut, behängt mit Tüchern und Flaggen, vom preußischen Volke auf dem ganzen langen Weg, ihrer neue gewonnenen Freiheit wegen, bejubelt und nach Berlin zurückgebracht…

Erzählungen

Luja und Prost

von Edgar Forster

Von bayrischer Biergaudi und Wirtshäusern.
Wirtshaus und Kirch gehören in Bayern zusammen. Luja und Prost, sind die Freudenrufe in diesen beiden Häusern. Die Symbiose von Kirche und Wirtshaus, ausgedrückt in räumlicher Nähe, kann der aufmerksame Reisende in vielen Ortschaften Bayerns beobachten. Auffällig ist das bei den Wallfahrtsorten. Dass es zwischen den Beherrschern beider Häuser, dem Pfarrer und dem Wirt, gelegentlich zu Differenzen kommt, ist verständlich, aber man gibt in Bayern dem Pfarrer, was des Pfarrers ist und dem Wirt, was des Wirtes ist. Der eine herrscht vor Ort über das himmlische Reich, der andere über das irdische Paradies. Aber der Wirt besucht den Pfarrer und der Pfarrer den Wirt. Die Gäste auf Erden sind Gäste im Gotteshaus und Gäste im Wirtshaus gleichermaßen.

Leseprobe:

… Unbeeindruckt sagte mein Schwager: “ Was soi’s, fahr ma los!“ Der Pater stieg in das Führerhaus und klemmte sich hinter das Lenkrad. „Ham’s Angst?“ fragt mitfühlend der Prüfer. „Na“, sagte der Prüfling-Pater, „des is alles göttliche Vorsehung, des wird scho alles richtig, wia’s a nausgeht.“ Der Pater startet den Lastwagen und fuhr zum Kloster hinaus und siehe da, da war ein Schwerlasttransport, der langsam vor sich hinkroch. Überholen war unmöglich, Wenden auch. Der Laster mit Prüfling und Prüfer durfte dahinter herzuckeln. Der Prüfer musste aber bald wieder in Landsberg sein, der nächste Prüfungskandidat wartete schließlich schon. Ein Umweg war unmöglich. Auch war eine denkbare umleitende Straße gesperrt. Eine Prüfung dauert 45 Minuten und durfte keine Minute länger andauern. Der Pater schlich hinter dem breiten Tieflader her und bald hatte er seinen Führerschein redlich und rechtlich einwandfrei durch Kriechfahrt erworben, „des is die göttliche Fügung, da kenna mir Erdenmenschen gar nix macha!“…

Erzählungen

Der Kochwirt

von Bora Cosic

Essay

Zu den vorliegenden Essays schreibt Karl-Markus Gauß in seinem Nachwort: „Ausgerechnet ein Meister der Verwandlungen aber, der nichts allein als artifizielles Spiel zu lieben schien, ein Zauberer, der mit Spiegelungen und Berechnungen, mit dem richtigen und dem falschen Zitat seine Kunststücke trieb; ausgerechnet der Ironiker, der sich hütete, den Dingen gleich mit ihrem Geheimnis und der Welt mit seiner Moral zu kommen, Bora Cosic also, hat sich als Zeuge bewährt. Das ist merkwürdig und lehrreich. Er, der seiner Zeit weder grimmig die Leviten lesen noch sich eitel als Prediger über sie erheben wollte, hat sich in seinen Essays der Wirklichkeit gestellt; also auch dem Wahnwitz, der Selbstlüge, dem Blendwerk der Ideologie, der Phrase der Propaganda (die immer auch eine Propaganda der Phrase ist), dem Rauschen der großen, unablässig sirrenden Wortmaschine.“

Leseprobe:

… Diese ganze Allee der modellierten Basiliken und Paläste ist für mich ein Gedichtband, dessen einzelne Nummern in erhabener Muße und ohne Neurose angefertigt wurden, wie auch unser Opa sein slawonisches Häuschen gebaut hatte, das bis in meine Tage überlebt hat. Das Häuschen erinnert mich jetzt an eine virtuelle Möglichkeit des Lebens im Kleinen, das es in der Menge der kosmischen Verdrehungen und Umkehrungen auch geben könnte. Es steht  nirgends geschreiben, dass die Dimenseionen unserer Körper, und dementsprechend der Häuser, in denen diese Körper hausen, jener planetarische Standard sind, der einzig richtige und erwartete. Vielleicht sind unsere Maße gar nicht die richtigen, und vielleicht sind wir eigentlich viel winziger, als wir denken, und die Modelle, ob kirchlich oder nicht, hätten uns dabei eine wertvolle Warnung sein können. Unsere Dimensionen sind zu stark betont und ungerecht forciert, und der Modellmeister, der seine Basilika kleiner baut als er selbst ist, denkt vielleicht daran. …

Erzählungen

Das barocke Auge

von Bora Cosic

Essay

Zu den vorliegenden Essays schreibt Karl-Markus Gauß in seinem Nachwort: „Ausgerechnet ein Meister der Verwandlungen aber, der nichts allein als artifizielles Spiel zu lieben schien, ein Zauberer, der mit Spiegelungen und Berechnungen, mit dem richtigen und dem falschen Zitat seine Kunststücke trieb; ausgerechnet der Ironiker, der sich hütete, den Dingen gleich mit ihrem Geheimnis und der Welt mit seiner Moral zu kommen, Bora Cosic also, hat sich als Zeuge bewährt. Das ist merkwürdig und lehrreich. Er, der seiner Zeit weder grimmig die Leviten lesen noch sich eitel als Prediger über sie erheben wollte, hat sich in seinen Essays der Wirklichkeit gestellt; also auch dem Wahnwitz, der Selbstlüge, dem Blendwerk der Ideologie, der Phrase der Propaganda (die immer auch eine Propaganda der Phrase ist), dem Rauschen der großen, unablässig sirrenden Wortmaschine.“

Leseprobe:

… Diese ganze Allee der modellierten Basiliken und Paläste ist für mich ein Gedichtband, dessen einzelne Nummern in erhabener Muße und ohne Neurose angefertigt wurden, wie auch unser Opa sein slawonisches Häuschen gebaut hatte, das bis in meine Tage überlebt hat. Das Häuschen erinnert mich jetzt an eine virtuelle Möglichkeit des Lebens im Kleinen, das es in der Menge der kosmischen Verdrehungen und Umkehrungen auch geben könnte. Es steht  nirgends geschreiben, dass die Dimenseionen unserer Körper, und dementsprechend der Häuser, in denen diese Körper hausen, jener planetarische Standard sind, der einzig richtige und erwartete. Vielleicht sind unsere Maße gar nicht die richtigen, und vielleicht sind wir eigentlich viel winziger, als wir denken, und die Modelle, ob kirchlich oder nicht, hätten uns dabei eine wertvolle Warnung sein können. Unsere Dimensionen sind zu stark betont und ungerecht forciert, und der Modellmeister, der seine Basilika kleiner baut als er selbst ist, denkt vielleicht daran. …

Erzählungen

War Hitler Araber?

von Zafer Senocak

Der Experte muss ständig übersetzen. Er tut es, indem er sich distanziert. Je weiter er von seinem Objekt entfernt ist, umso besser versteht er es. Die Distanz macht es auch möglich, alle Elemente, die ihn bei sich an den anderen erinnern könnten, zu verdrängen. Durch die Dämonisierung des „Anderen“, das auch immer gewalttätig ist, wird Gewalt exotisiert, eigene Gewaltpotentiale werden verdrängt. Ein aufgeklärter Europäer kann Saddam Hussein natürlich nicht sein. Doch war Hitler ein Araber?

Erzählungen

Mir und die Anderen

von Edgar Forster

Bayern umfasst nur 2 Promille der Erdbevölkerung, auf dem Globus ist es so klein, dass man es kaum erkennen kann, aber es ist kulturell bekannt wie kaum ein anderes Land. Das Buch schildert das Zusammentreffen von Bayern und Nichtbayern. Die Daraus entstehenden (Miss)-Verständnisse sind lustiger bis tragikomischer Natur.
Bayern und Nichtbayern – Who ist who