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1683: Denkmal des Respekts und der Allianz

Neue Welt Verlag
Erscheinungsjahr 2026

1683: Denkmal des Respekts und der Allianz

 

Sobieski, Karl V. von Lothringen, Starhemberg – Wien aus einer dritten Perspektive

Wem gehört ein Sieg, wenn fast dreieinhalb Jahrhunderte vergangen sind? Kann eine Niederlage vererbt werden? Und dürfen Menschen, die heute in Wien leben, noch immer nach den Fronten eines Krieges von 1683 eingeordnet werden?

Der Essay beschäftigt sich mit der Belagerung und dem Entsatz Wiens von 1683, vor allem aber mit der Frage, wie dieses historische Ereignis in Österreich, Polen und in der osmanisch-türkischen Erinnerung über Jahrhunderte gedeutet wurde. Im Mittelpunkt stehen Jan III. Sobieski, Karl V. von Lothringen, Ernst Rüdiger von Starhemberg, die Verteidiger Wiens sowie die unterschiedlichen politischen, militärischen und religiösen Kräfte, die 1683 auf beiden Seiten beteiligt waren.

Dabei geht es nicht darum, die Schlacht noch einmal zu erzählen und am Ende lediglich festzustellen, wer gewonnen und wer verloren hat. Interessanter ist, was später aus diesem Ereignis gemacht wurde. Wie wurden aus historischen Personen Heldenfiguren, Feindbilder und politische Symbole? Welche Rolle spielten Denkmäler, Jubiläen, Legenden, nationale Erzählungen und politische Bewegungen? Und warum wird um ein Ereignis des 17. Jahrhunderts auch im 21. Jahrhundert noch so heftig gestritten?

Mehr als „Christen gegen Muslime“

Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der Frage, ob die Geschichte von 1683 tatsächlich so einfach als Kampf zwischen „christlichem Europa“ und „muslimischem Osmanischen Reich“ erzählt werden kann. Schon ein Blick auf die damaligen Heere zeigt ein wesentlich komplizierteres Bild. Muslimische Lipka-Tataren, Nachfahren verschiedener turkischer Stämme dienten im Heer Sobieskis. Christlich geprägte Fürstentümer standen in unterschiedlichen Abhängigkeits- und Bündnisverhältnissen zum Osmanischen Reich. Kosaken, Tataren, Polen, kaiserliche Truppen und Kontingente verschiedener Territorien kämpften in einer politischen Welt, die sich mit heutigen nationalen Kategorien nur begrenzt erfassen lässt.

Auch die osmanisch-türkische Perspektive erhält im Buch einen eigenen Platz. Türkische Historiker bestreiten die Niederlage des osmanischen Heeres am 12. September 1683 keineswegs. Halil İnalcık spricht ausdrücklich vom „II. Viyana bozgunu“, der Niederlage vor Wien. Historiker wie Abdülkadir Özcan, Feridun M. Emecen, Kemal Çiçek und Kahraman Şakul untersuchen die militärischen, politischen und inneren Ursachen des Scheiterns aus unterschiedlichen Blickwinkeln.

Damit wird deutlich, dass die Anerkennung der Verdienste von Sobieski, Karl V. von Lothringen, Ernst Rüdiger von Starhemberg, den Verteidigern Wiens und dem Entsatzheer keine ausschließlich österreichische oder polnische Sichtweise darstellt, sondern auch in der türkischen Geschichtsschreibung ihren respektvollen Platz findet.

Gerade daraus ergibt sich eine zentrale Frage des Essays: Wenn der Ausgang der Schlacht historisch unstrittig ist, warum muss daraus heute noch ein Gegensatz zwischen Österreichern, Polen, Türken, Christen und Muslimen konstruiert werden? Der Essay versucht nicht, historische Unterschiede zu verwischen. Angreifer und Verteidiger werden nicht nachträglich gleichgesetzt. Die militärischen Leistungen von Sobieski, Karl V. von Lothringen und Ernst Rüdiger von Starhemberg werden nicht geschmälert, und die Verteidigung Wiens wird nicht relativiert.

Ebenso wenig kann jedoch aus dem osmanischen Gegner von 1683 automatisch ein heutiger Türke oder Muslim gemacht werden. Die Geschichte der Beziehungen zwischen Österreichern und Türken umfasst nicht nur Konflikte, sondern auch Phasen enger Zusammenarbeit. Im Ersten Weltkrieg standen das Osmanische Reich und Österreich-Ungarn als Verbündete gemeinsam mit Deutschland auf derselben Seite. Tausende osmanische Soldaten kämpften und fielen an verschiedenen Fronten, darunter in Galizien, auf den Dardanellen, im Irak und im Raum Gaza. Allein in Galizien ließen mehr als 12.000 türkische Soldaten ihr Leben. Diese gemeinsame Kriegserfahrung zeigt, wie wenig historische Feindbilder des 17. Jahrhunderts auf die politischen und gesellschaftlichen Realitäten späterer Epochen übertragbar sind.

Der Kahlenberg und die Gegenwart

Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Erinnerungskultur und besonders auf dem Kahlenberg. Seit Jahren wird dort über ein Sobieski-Denkmal diskutiert. Aber was soll ein Denkmal heute eigentlich leisten? Soll es lediglich einen Sieg festhalten? Soll es einen längst besiegten Gegner immer wieder aufs Neue besiegen? Oder kann ein Erinnerungsort zeigen, dass eine moderne vielfältiger Stadt ihre Geschichte kennt, ohne alte Feindschaften weiterzugeben?

Für den Autor wurde diese Frage im September 2026 sehr konkret. Am 6. September nahm er an der offiziellen polnischen Gedenkfeier am Kahlenberg teil. Sechs Tage später stand er wieder am selben Ort, diesmal bei einer Kundgebung der Identitären Bewegung. Derselbe Berg, dieselbe Kirche, dieselbe Jahreszahl 1683 – aber zwei sehr unterschiedliche Arten des Erinnerns. Aus diesem Gegensatz entstanden viele der Fragen, die durch das Buch führen.

Birol Kılıç schreibt als Wiener und Österreicher mit türkischen Wurzeln, der sich Österreich eng verbunden fühlt, nicht als völlig unbeteiligter Beobachter. Er lebt seit über 35 Jahren in Wien, seine Familiengeschichte führt in die Türkei bzw. Istanbul. Daraus ergibt sich auch eine persönliche Frage: Muss ein Mensch türkischer Herkunft eine Niederlage von 1683 gewissermaßen mit sich tragen? Ist er Bürger dieser Stadt oder wird er durch historische Bilder immer wieder auf die Seite eines Heeres gestellt, das vor mehr als drei Jahrhunderten vor Wien stand? Die zentrale Botschaft des Essays von Kılıç lautet: Geschichte soll erinnern, erklären und kritische Auseinandersetzung ermöglichen. Sie darf jedoch nicht dazu dienen, Menschen der Gegenwart zu Erben historischer Feindschaften zu machen. „Friede daheim, Friede in der Welt“

Von der Allianz zum Respekt: Wer Respekt erwartet, muss auch selbst Respekt zeigen

Bei der Buchpräsentation an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften am 24. September 2026 wurde an die Idee eines „Friedens- und Allianzdenkmals“ angeknüpft. Dieser Gedanke ist wichtig. Für Kılıç reicht das Wort Allianz allein jedoch nicht aus. Eine Allianz beschreibt zunächst ein historisches Bündnis. Ein Denkmal, das heute in Wien errichtet wird, spricht aber nicht nur über 1683. Es spricht auch zu den Menschen, die heute in dieser Stadt leben.

Deshalb kommt für Kılıç ein weiterer entscheidender Begriff hinzu: Respekt. Für Kılıç ist Respekt mehr als ein Begriff. Er ist die Voraussetzung dafür, Geschichte anzuerkennen, lernen ohne neue Feindbilder zu schaffen. Wer Respekt erwartet, muss auch selbst Respekt zeigen. Das ist nicht nur eine moralische Forderung, wie sie sich etwa in der Bergpredigt oder in Kants kategorischem Imperativ findet. Es ist ebenso eine Voraussetzung für das Zusammenleben in einer freiheitlichen, demokratischen, vielfältigen, säkularen und rechtsstaatlichen Republik mit Gewaltenteilung. Eine solche Republik lebt nicht allein von Gesetzen und Institutionen. Sie lebt auch davon, dass Menschen einander als gleichberechtigte Bürger anerkennen, Unterschiede aushalten und die Würde des anderen nicht davon abhängig machen, welche Religion, Herkunft oder Familiengeschichte er hat.

Genau hier bekommt der alte Begriff der res publica, der gemeinsamen öffentlichen Sache, eine aktuelle Bedeutung. Ohne Gemeinwohl kann eine Republik auf Dauer nicht funktionieren. Und ohne einen Mindestbestand an gegenseitigem Respekt lässt sich dieses Gemeinwohl nicht tragen.

Zum Gedanken eines „Denkmals der Allianz“ gehört deshalb für Kılıç zwingend auch der Respekt: Respekt vor der historischen Wahrheit, vor den Leistungen der Sieger, vor den Opfern des Krieges und vor den Menschen, die heute gemeinsam in Wien leben. Nicht, um Sieg und Niederlage gleichzusetzen oder Geschichte weichzuzeichnen, sondern um zu fragen, ob ein Erinnerungsort des 21. Jahrhunderts mehr leisten kann, als lediglich die Fronten des 17. Jahrhunderts in Stein festzuhalten.

Wien ist heute eine andere Stadt als 1683, Europa ein anderes Europa. Umso wichtiger ist die Frage, wie Geschichte dem Gemeinwohl dienen kann. Kann aus einem Ort früherer Konfrontation ein Ort werden, an dem historische Leistung anerkannt, Leid erinnert und zugleich deutlich gemacht wird, dass Menschen der Gegenwart nicht mehr in den Lagern ihrer Vorfahren leben müssen?

In seinem Essay formuliert Birol Kılıç diesen Gedanken aus einer grundsätzlichen, philosophischen Perspektive: „Ich möchte nicht in einem Wien leben, in dem Geschichte dazu benutzt wird, Vorurteile zu schüren, Hass zu nähren und Menschen aufgrund ihrer Herkunft zu stigmatisieren. Für mich liegt der Sinn der Beschäftigung mit Geschichte nicht darin, Menschen gegeneinander aufzubringen, sondern darin, die Gegenwart besser zu verstehen und die Zukunft verantwortungsvoll zu gestalten. Geschichte verliert ihren humanistischen Wert, wenn sie zum Instrument wird, mit dem Menschen über Generationen hinweg in ein vermeintliches ‚Wir‘ und ‚die Anderen‘ eingeteilt werden.

Der republikanische Gedanke der res publica beruht auf dem Gemeinsamen, nicht auf dem Trennenden. Eine demokratische Republik darf ihre Identität nicht aus den Feindschaften vergangener Jahrhunderte ableiten, sondern muss sie aus den Prinzipien der Freiheit, der Menschenwürde, der Rechtsstaatlichkeit, der Gleichberechtigung und des gegenseitigen Respekts entwickeln. Diese Werte bilden das Fundament einer politischen Gemeinschaft, in der nicht Abstammung oder religiöse Zugehörigkeit darüber entscheiden, wer dazugehört, sondern die gemeinsame Anerkennung der demokratischen und rechtsstaatlichen Ordnung.´Menschen und Familien mit Wurzeln in der Türkei sind seit mehr als sechs Jahrzehnten Teil Österreichs. Sie haben hier gearbeitet, Unternehmen gegründet, Steuern gezahlt, Kinder großgezogen und Verantwortung für dieses Land übernommen. Für viele von uns ist Österreich längst zur Heimat geworden. Für unsere Kinder und Enkel ist es jene selbstverständliche Heimat, in der sie geboren oder aufgewachsen sind und in der sie ihre Zukunft sehen. Niemand sollte deshalb gezwungen sein, seine Zugehörigkeit zur Republik Österreich aufgrund seiner Herkunft immer wieder aufs Neue rechtfertigen oder beweisen zu müssen.

Wer Geschichte ernst nimmt, muss bereit sein, aus ihr zu lernen. Eine der wichtigsten Lehren der europäischen Geschichte besteht darin, dass vergangene Kriege, Niederlagen und Feindschaften nicht zu einer moralischen Erbschuld nachfolgender Generationen werden dürfen. Die Verantwortung unserer Gegenwart liegt nicht darin, historische Gegensätze über Jahrhunderte hinweg fortzuschreiben oder alte Feindbilder unter neuen politischen Vorzeichen wiederzubeleben. Sie besteht vielmehr darin, aus der Kenntnis der Vergangenheit jene Einsichten zu gewinnen, die ein friedliches, freies und gerechtes Zusammenleben ermöglichen. Gerade darin verwirklicht sich für mich die Idee der res publica: in einer politischen Gemeinschaft freier und gleichberechtigter Bürger, die trotz unterschiedlicher Herkunft, kultureller Prägungen und religiöser Überzeugungen gemeinsam Verantwortung für das Gemeinwohl tragen. Geschichte sollte uns nicht voneinander entfernen, sondern uns die Verantwortung bewusst machen, die wir füreinander und für unsere gemeinsame Zukunft haben. Ein Denkmal, das diesem Anspruch gerecht werden will, darf daher nicht nur an Sieg und Niederlage erinnern. Es muss auch Raum für gegenseitigen Respekt schaffen. Denn eine demokratische Gesellschaft beweist ihre Stärke nicht dadurch, dass sie die Feindschaften ihrer Vorfahren bewahrt, sondern dadurch, dass sie gelernt hat, diese zu überwinden.“

Der Essay verbindet historische Analyse und Quellenarbeit mit österreichischen, polnischen und osmanisch-türkischen Perspektiven, persönlicher Beobachtung und der aktuellen Debatte um den Kahlenberg. Er umfasst zwölf Kapitel und einen Epilog.

Bibliografische Angaben

Softcover
Birol Kılıç
1683: Denkmal des Respekts und der Allianz
Sobieski, Karl V. von Lothringen, Starhemberg – Wien aus einer dritten Perspektive
Neue Welt Verlag, Wien
Erscheinungsjahr: 2026
ISBN: 978-3-9505287-7-0

Bildnachweis des historischen Motivs: Der Entsatz von Wien am 12. September 1683, 1684, unbekannter Künstler, Sammlung Deutsches Historisches Museum Berlin; Aufnahme/Quelle: anagoria.